Schauspieler Matthias Brandt und Dirigent Dirk Kaftan mit dem Beethoven Orchester.
Das Beethoven Orchester lässt Zeitzeuginnen, Geflüchtete, Schüler und Matthias Brandt erzählen – musikalisch begleitet von einem außergewöhnlich breiten Repertoire. Ein Konzert, das die Stadtgesellschaft spiegelt – und die Zuhörer berührt.
Die Fragestellung, mit der das Beethoven Orchester und sein Chef Dirk Kaftan den ersten Teil des jüngsten Freitagkonzertes in der Beethovenhalle bestritten, ist fraglos komplex: Wie klingt Bonn 2026? Und wer spricht für diese Stadt, deren Identität längst vielstimmiger ist als Beethovens „Neunte“: Man suchte keine einfache Antwort, sondern wagte ein Konzertformat, das sich bewusst vom klassischen Abo-Konzertformat löste. Man fühlte sich an die „Grenzenlos“-Reihe erinnert, in der das Orchester den Dialog mit anderen Kulturen sucht. Und auch an dokumentarische Experimente der Bonner Theater- und Opernbühnen. Diesmal aber stand ein Orchester im Zentrum – und verließ seine sinfonische Komfortzone.
Bonn ist bunt, Bonn bleibt bunt
Der musikalische Bogen spannte sich ebenso weit wie die Erzählperspektiven. Hindemiths kantige Klarheit traf auf Erinnerungen an Nachkriegszeit und Wiederaufbau. Sein Marsch aus „Nobilissima Visione“ erklang bereits 1959 zur Eröffnung der Beethovenhalle – damals unter seiner eigenen Leitung. Das sinfonisch variierte Karnevalslied „Wer soll das bezahlen“, arrangiert von Tim Jaekel, setzte ein ironisches Schlaglicht. Danach verlagerte sich der Blick: Naturwissenschaftliche Texte über Artenvielfalt trafen auf poetische Miniaturen aus dem Magazin Ohrenkuss. Arvo Pärts „Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“ legte darüber eine fragile Klangfläche – ein musikalischer Protest gegen ökologische Vereinfachung.
Blick in die Ferne
Im dritten Abschnitt öffnete sich der Raum noch weiter. Migrationserfahrungen aus Syrien, Kurdistan und Nordafrika wurden ohne Pathos, aber mit großer Ernsthaftigkeit erzählt. Das arabische Lied „Lamma bada yatathanna“, von Mazen Mohsen mehrsprachig zu den gezupften Klängen seiner Ud gesungen, wurde zu einem emotionalen Höhepunkt. Für Menschen, die erst vor Kurzem in Bonn Zuflucht gefunden haben, klingt Heimat anders als für alteingesessene Bonner, die ihre Wurzeln bis zu den römischen Legionären zurückverfolgen können. Die Musikauswahl spiegelte diese Spannweite präzise und mutig.
Die „Rheinische Kirmestänze“ des Kölners Bernd Alois Zimmermann führten anschließend durch ein schillerndes Geschichtspanorama: römische Stiefel, mittelalterliches Marktgetümmel, barocke Eleganz, moderne Brüche. Dann rückten Berichte ukrainischer Frauen über Sirenen, Flucht und den ungewohnten Frieden am Rhein in den Mittelpunkt, verbunden mit einem ukrainischen Volkslied, das Tatjana Miyus sang und zu dem Stanislav Zhukovsky die Duduk blies.
Blick in die Zukunft
Zum Schluss wagten Jugendliche der Bertolt-Brecht-Gesamtschule den Blick nach vorn. Sie beschrieben eine Zukunft zwischen Klimakrise, übergriffiger künstlicher Intelligenz und dem Wunsch nach einer Stadt, die wieder mehr Gemeinschaft zulässt. Die Vision einer „Beethovenhalle als Kulturwohnzimmer“ war überraschend konkret und zugleich poetisch. Und Beethoven selbst antwortete mit seiner „Pastorale“ – Musik, die aus der Vergangenheit spricht und doch Zukunft in sich trägt.
Das Porträt dieser Stadt wirkte spürbar ins Publikum hinein: Vieles berührte unmittelbar, manches regte zum Nachdenken an, manches irritierte wohltuend. Am Ende verschmolz alles zu lang anhaltendem, begeistertem Applaus.
Finale mit Schumanns „Rheinischer“
Nach der Pause kehrte das Orchester zu klassischem Repertoire zurück. Schumanns „Rheinische“ klang groß, weit und warm. Der dritte Satz überzeugte mit feiner, fast kammermusikalischer Durcharbeitung, der vierte strahlte im festlichen Glanz der Bläser. Nur das Scherzo geriet etwas zu hastig – ein kleiner Schönheitsfehler in einer insgesamt kraftvollen, gefeierten Interpretation.