Daniels Tagebuch

Max Mutzke

So viel mehr, eine sehr persönlichen Lesung ins Schauspielhaus
  • 01.03.2026 12:30:00

  • Schauspielhaus, Theaterplatz, Bonn, Deutschland

  • bewölkt 5°C

  • #TB,

Auf der Bühne des Schauspielhauses In Bonn ist er längst Stammgast: Jedes Jahr tritt Max Mutzke mit Überraschungsgästen bei „Quatsch keine Oper“ auf, jedes Jahr ist der Abend ein voller Erfolg. Nun gibt der Soulsänger im Rahmen der beliebten Veranstaltungsreihe auch eine musikalische Lesung im Schauspielhaus. Vorab sprach er mit uns über seine Biografie „So viel mehr“, das Casting bei Stefan Raab im Jahr 2004, das in berühmt machte, über Schicksalsschläge – und Dankbarkeit.

Herr Mutzke, warum mögen Sie „Quatsch keine Oper“ und Bonn eigentlich so gerne, dass Sie jedes Jahr hier auftreten?

Max Mutzke: Natürlich, weil das Bonner Publikum so toll ist. (lacht) Nein, das meine ich ganz ernst. Das Publikum ist wirklich außergewöhnlich. Meine Geschichte mit „Quatsch keine Oper“ hat ja 2016 begonnen, beim Konzert mit Thomas Quasthoff und den Jazz All Stars. Wir hatten so viel Spaß, dass wir anschließend gesagt haben: Wir müssen das unbedingt wieder machen. Beim zweiten Mal konnte Thomas allerdings nicht, deshalb haben wir den Termin einfach gebucht, ohne den nächsten Gast zu kennen. So ist das Konzept für „Max Mutzke and Friends“ entstanden, bei dem wir dem Publikum vorab nicht verraten, wer überhaupt auftreten wird. Seitdem sind wir immer ausverkauft in der Bonner Oper – eine wahnsinnige Ehre. Und jetzt hoffe ich natürlich, dass das bei der Lesung genauso gut funktioniert.

Sie haben es gerade angesprochen: 2026 kommen Sie zusätzlich mit einer musikalischen Lesung aus Ihrer Biografie „So viel mehr“ ins Schauspielhaus. Was erwartet das Publikum an dem Abend?

Mutzke: Ich habe das Buch zu meinem Jubiläum – 20 Jahre auf der Bühne – geschrieben. Anfangs stand es unter einem ganz anderen Stern: Es sollte ausschließlich um meine Mutter gehen, um ihre Alkoholsucht und das Leben mit unserer Großfamilie. Für mich gab es immer die Frage: Bin ich geworden, wie ich bin, weil meine Mutter so war oder obwohl meine Mutter so war? Das wollte ich in einem Buch verarbeiten. Dann gab es aber einen großen Widerstand meiner Geschwister – für mich total verständlich, weil die gesagt haben: Wenn du über deine Kindheit schreibst, schreibst du auch über unsere Kindheit. Deshalb ist stattdessen ein Anekdotenbuch entstanden. Ein Buch, in dem es um viele Erfahrungen geht, die ich machen durfte: mit meiner Mutter, mit unseren Großeltern, mit dem großen Haus im Schwarzwald, mit dieser besonderen Familienkonstellation und all den Schicksalsschlägen, die ja jeder von uns schon zu tragen hatte.

Seit dem vergangenen Jahr gehen Sie mit der Biografie auf Lesetour. Fällt es Ihnen leicht, persönliche Momente zu teilen, über die Sie lange Zeit in der Öffentlichkeit gar nicht gesprochen haben?

Mutzke: Es ist natürlich viel intimer und intensiver, weil ich eine ganz andere Seite zeige. Ich spreche über mein eigenes Leben und lese Anekdoten vor, die lustig, verrückt oder total ergreifend sind. Es gibt viele Momente, wo die Leute wahnsinnsviel lachen. Aber es gibt auch die Momente, wo geweint wird. Und ich bin eigentlich immer derjenige, der auf der Bühne am meisten heult.

Das klingt, als wären die Lesungen für Sie herausfordernder als Konzerte?

Mutzke: Das sind sie, und zwar mit Abstand. Man geht da durch so ein Wechselbad der Gefühle. Es kommt auch immer darauf an, wer im Publikum sitzt. Es kann sein, dass sich manche Stellen ganz entspannt lesen lassen, aber sobald zum Beispiel meine Lebensgefährtin oder meine Kinder im Publikum sitzen, können mich Momente, mit denen ich gar nicht rechne, total packen. Das ist schon passiert, als mein Vater im Publikum saß und ich erzählt habe, wie meine Eltern sich kennengelernt haben. Denn dann erzähle ich ja sozusagen den Film, den er vor mehr als 50 Jahren erlebt hat: als junger Medizinstudent mit einer rauchenden Pfeife im Mund, wie er Kaftans auf einem Wochenmarkt in Spaichingen im Schwäbischen verkauft und meine Mutter zum ersten Mal sieht – jung, schön, mit gerade mal 19 Jahren. Und die verlieben sich, heiraten später und kriegen sechs Kinder. Inzwischen ist meine Mutter verstorben und mein Vater kürzlich 82 Jahre alt geworden. Wenn ich also ihre Geschichte erzähle und er im Publikum sitzt, ergreift mich das total.

Ihre Familie bezeichnen Sie als wichtigste Stütze im Leben. In Ihrer Biografie schreiben Sie, dass Sie diese Sicherheit und Geborgenheit brauchen, wenn Ihre Karriere auf die Probe gestellt wird und Sie sich ständig neu beweisen müssen. Jeder Song, jedes Konzert, jeder Auftritt im Fernsehen werde von außen bewertet. Wie hält man das aus?

Mutzke: Das ist eine gute Frage. (überlegt) Ich glaube, dass man das Leben nicht zu endgültig nehmen darf. Bei mir ist es so: Wenn man in einem Fünf-Sterne-Hotel untergebracht wird, ist das wunderschön. Ich genieße das sehr, weiß aber auch: Das ist nur eine Momentaufnahme und nicht das Niveau, auf dem ich mich permanent befinde. Dasselbe gilt, wenn es mal schlecht läuft. Dann heißt es nicht: Meine Karriere ist am Ende, weil das Album nicht angenommen wurde oder die Tour sich nicht gut verkauft hat. Ich glaube, das muss man sich immer wieder vor Augen halten. Egal was passiert, das ist immer nur der Moment. Wir dürfen uns nicht alles so arg zu Herzen nehmen – und sollten generell dankbarer sein.

Ein gutes Stichwort: Sie üben sich jeden Abend in Dankbarkeit, damit Sie den Erfolg auch nach 20 Jahren auf der Bühne nicht als selbstverständlich betrachten...

Mutzke: Absolut! Ich will abends ins Bett gehen und Danke, Danke, Danke sagen. Wem auch immer, ob man an Gott glaubt, ans Schicksal, an eine Energie oder an seine Ahnen. Dankbarkeit und Demut sind ein ganz wichtiges Instrument. Bei mir geht das weit über die Karriere hinaus. Ich sage immer: Wenn ihr abends ins Bett geht, egal an welchem Tag, und ihr seid einfach gesund, ihr seid satt und ihr friert nicht, dann applaudiert für den Tag. Denn ein Tag, der ganz normal zu Ende geht, für den kann man nicht dankbar genug sein.

Dankbar sind Sie wahrscheinlich auch für das Jahr 2004, das den Start Ihrer Karriere markierte, weil Sie beim Casting von Stefan Raab mitgemacht haben. Im Rückblick klingt alles, was damals passiert ist, wie ein guter Fiebertraum. Fast unrealistisch.

Mutzke: Total, das war damals alles im Superlativ. Immer ist etwas passiert, von dem ich dachte: Krass, das gibt es doch nicht, ich bin mit Otto Waalkes im Backstage-Bereich, oder Helge Schneider erzählt mir unter vier Augen einen Witz, den er selber gut findet. Oder Robbie Williams, Eminem oder Michael Bublé stehen neben mir auf der Bühne. Immer wieder gab es Momente, wo ich dachte: Das kann doch alles nicht wahr sein, das ist der perfekte Traum und ich wache gleich auf. Aber der Aufwachmoment kam nie, das war alles Realität.

Gregory Crewdson →