Daniels Tagebuch

Lesung im Schauspiel Bonn zeigt Florian Illies

Die unbekannte Seite der Familie Mann
  • 12.03.2026 19:30:00

  • Schauspielhaus, Theaterplatz, Bonn, Deutschland

  • bewölkt 5°C

  • #TB,

Florian Illies und Denis Scheck (rechts) diskutieren im Schauspielhaus

1933 fand die Familie Mann Exil in Frankreich. Thomas Mann sprach kein Wort Französisch. Einer der größten Autoren der deutschen Sprache „war plötzlich sprachlos“. Es ist eine von vielen spannenden Beobachtungen, die Autor Florian Illies auf der Lesung am Donnerstagabend teilte. In seinem jüngsten Werk „Wenn die Sonne untergeht“ erzählt Illies vom Beginn des Exils der Familie Mann. Er las ausgewählte Szenen auf der Bühne des Schauspiels Bonn vor, moderiert von Denis Scheck, der dem Autor spannende Anekdoten entlockte. Ein faszinierender Abend, der trotz der Schwere des Themas mit seinem Witz und Humor begeistert.

Im ausverkauften Saal liest Illies aus seinem neuesten Buch. Als Schriftsteller landete er mit „1913“ einen Welterfolg. Im Fokus seines jüngsten Buches stehen das Ehepaar Mann und die sechs Kinder. 1933 befand sich Thomas Mann auf einer Vortragsreise – auf Drängen seiner Kinder kehrte er nicht nach Deutschland zurück. Ähnlich wie viele Kunstschaffende zu dieser Zeit fand die Familie Zuflucht im französischen Hafenort Sanary-sur-Mer. Doch dieser „paradiesische Ort“ wird immer wieder durch „Schreckensnachrichten aus Deutschland“ durchbrochen, wie Illies erklärt. Mit ruhiger, trockener Stimme liest er aus seinem Werk. Er und Scheck sitzen auf braunen Ledersesseln. Neben ihm eine urige Stehlampe und eine Vase mit großem Blumenstrauß – eine Szenerie, die an ein Wohnzimmer aus den 30er Jahren erinnert. Hier versetzt Illies das Publikum in das Haus der Familie Mann, untermalt mit szenischen Gesten, dem Greifen nach dem Taschentuch, wenn es seine Figuren tun. Das Publikum erhält einen privaten Einblick, sitzt beinah mit am Wohnzimmertisch, von dem Thomas Mann aus nach „Ru__he!“ verlangt. Illies beweist seine sarkastische Natur und sorgt für heitere Stimmung und Lacher im Publikum. So kommentiert der Autor, nachdem er ein Wasserglas umkippte, dass er wie „Klaus Mann am Wasser sitzt“. Insbesondere Thomas Mann wird Zielscheibe des Scherzens – jedoch legt er dem Autor keine „Worte in den Mund“. Illies betont, dass alle Dialoge belegt sind. Mit ironischem Unterton erklärt er, dass Thomas Mann „die Suppe als Zeichen seines sozialen Aufstiegs sieht“ oder „leicht ergriffen von sich selbst ist“.

Was den Bonner Abend prägt, sind die kleinen Einblicke in den Schreibprozess, die Illies mit dem Publikum teilt: Anekdoten, die es nicht ins Buch schafften, und seinen Gedankenprozess hinter „Wenn die Sonne untergeht“. Illies selbst war überrascht, dass sein neuestes Werk von Thomas Mann handelte, erschien dieser ihm doch immer „fremd“. Durch die Auseinandersetzung mit der Familie faszinierte ihn auch der Vater. Illies liest intim und unterhaltsam – und wird mit tosendem Applaus verabschiedet.

Max Mutzke →