Rätsel im Untergrund: Gregory Crewdsons Bild aus der Serie „Twilight“ 1998-2002 Selbstbildnis
Fotoausstellung im Kunstmuseum Bonn
Welt am Abgrund: Kunstmuseum Bonn zeigt die faszinierende Retrospektive des US-Fotokünstlers Gregory Crewdson. Schaurig-schöne Bilder vom amerikanischen Albtraum.
Tristesse als Teamwork: Rund 100 Fachleute waren an Gregory Crewdsons Foto „Untitled (Bed of Roses)“, 2003-2008, beteiligt.
Was ist hier passiert? Eine Frau im Nachthemd sitzt auf der Bettkante in ihrem riesigen Schlafzimmer. Traurig blickt sie auf ein leeres Vogelnest, das sie in den Händen hält. An Händen und Knien sind Erdspuren zu sehen, Boden und Bett sind mit Rosenblättern, abgebrochenen, dornigen Ästen und vertrockneten Blättern übersät. Bühnenartig öffnet sich links hinten ein weiterer Raum, rechts das Bad; dazwischen schafft ein Spiegel eine zusätzliche Zone. Die Frau auf dem Foto in der Retrospektive des US-Fotokünstlers Gregory Crewdson im Kunstmuseum Bonn wirkt fassungslos. Was erfahren wir sonst? Das zweite Kopfkissen sieht unbenutzt aus. Lebt sie allein? Was verband sie mit dem Vogel im Nest? Auf dem Nachttisch steht ein voller Aschenbecher, daneben fünf Pillendöschen und -fläschchen; ein Dutzend Tabletten liegt verstreut auf dem Nachtisch.
Melancholie macht sich breit: Crewdsons Personal quält sich freudlos und abgehängt durch den tristen Alltag, bevölkert oft abseits und emotional unbehaust die US-Provinz. Als Statist ist er in unzähligen Lost Places Zeuge rätselhafter Vorgänge – vom mystischen Naturwunder bis zum Kriminalfall. Immer wieder fühlt man sich an die einsamen, in kühlen Farben gehüllten Protagonisten aus der Welt Edward Hoppers erinnert, der wie kaum ein anderer die traurige, einsame, kalte Kehrseite des amerikanischen Traums gemalt hat.
Edward Hoppers einsame Menschen
Crewdsons meisterhaftes und Hopper sehr verwandtes Foto der Frau auf der Bettkante ist unbetitelt, trägt jedoch den Zusatz „Bed of Roses“ und gehört zur Serie „Beneath the Roses“. Die zwischen 2003 und 2008 entstandene Fotoserie ist die wohl aufwendigste des 63-jährigen US-Fotokünstlers. Bis zu 100 Menschen waren daran beteiligt – Fachleute für Casting, Technik, Requisiten, Kostüme. Monatelang dauerten die Vorbereitungen für die Serie und dieses Motiv, von dem 40 bis 50 Aufnahmen gemacht wurden, die im Rahmen der mehrmonatigen Postproduktion zu einem einzigen, prägnanten Bild verdichtet wurden – ein Aufwand wie bei einer Hollywood-Filmproduktion. Nicht zufällig nennt Crewdson seine Arbeiten „Single Frame Movies“ – großes Kino auf einem Bild. Die ganze Geschichte schrumpft zu einer Einstellung zusammen, zu einer eingefrorenen Sequenz, einem Motiv, das perfekt ausgeleuchtet und überall scharf in ein ausgeklügeltes, hyperrealistisches Bildklima eingebettet ist.
Zum Produktionsaufwand passt, dass der Fotograf Crewdson längst nicht mehr selbst fotografiert, sondern inszeniert. Seit 1998 – mit der Serie „Twilight“, die seinen Durchbruch markierte – überlässt er die Kameraarbeit dem Hollywood-Kameramann Richard Sands, der bereits für Steven Spielberg und Francis Ford Coppola filmte. Unzählige Hinweise auf das Kino David Lynchs – „Blue Velvet“ zitiert Crewdson in frühen Serien – und Peter Greenaways, auf Spielbergs „E.T.“ und „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, aber auch auf fantastische Serien wie „Ozark“ und deren hypnotisches Spiel mit urtümlicher Natur und Mystery-Elementen drängen sich auf.
Hitchcocks Blick hinter den Schleier der Realität
Natürlich ist auch Alfred Hitchcocks Einfluss auf Crewdson enorm – er zeigt sich in der künstlichen Inszenierung, den rätselhaften Storys und nicht zuletzt in den psychologischen Abgründen, die stets hinter der bürgerlichen Fassade lauern. „Hitchcocks Faszination für das, was sich jenseits des Schleiers der Realität abspielt, war für Kinder, die im oder um das Jahr 1962 herum geboren wurden, ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens“, schreibt Regisseur David Fincher im Katalog. Er muss es wissen – ist er doch wie Crewdson Jahrgang 1962. Es kursieren übrigens Gerüchte, Fincher könne für Netflix ein Remake von Hitchcocks Klassiker „Rope“ (1948) inszenieren. Gerade die frühen Serien Crewdsons erinnern mit ihren ungewöhnlichen und unheimlichen Perspektiven, toten Tieren und surrealen Motiven stark an Hitchcock.
Tristesse in Eveningside
Andere Serien, etwa „Mottenfinsternis“ („Eclipse of Moths“), verraten in ihrer malerischen Künstlichkeit und Inszenierung auch politischen und sozialen Impetus: In der Morgen- oder Abenddämmerung von Pittsfield im Bundesstaat Massachusetts erleben wir nach dem Weggang des wichtigsten Arbeitgebers, General Electric, Menschen, die wie Untote vor den Scherben ihres ehemaligen Daseins stehen – eine Welt am Abgrund. Die Tristesse, hier noch gnädig von fantastischen, an niederländische Meister des 17. Jahrhunderts erinnernden Wolkenhimmeln überwölbt, manifestiert sich unbarmherzig in Schwarz-Weiß in Crewdsons jüngster Serie über das fiktive Örtchen Eveningside. Dort hat alles seinen Platz, scheint die gute alte Zeit wie in einem Diorama eingefroren zu sein. Schaurig-schön und aufgeräumt ist es hier – ein amerikanischer Albtraum.