Daniels Tagebuch

Silje Nergaard

Die 59-Jährige bringt nur zwei Gitarristen mit ins Bonner Münster
  • 07.05.2026 20:00:00

  • Münster Basilika, Bonn, Deutschland

  • sonnig 10°C

  • #TB,

Silje Nergaard und ihre beiden Gitarristen Havar Bendiksen (links) und Hallgrim Bratberg

Die lange Menschenschlange am Einlass auf der Rückseite des Bonner Münsters legte eindrucksvoll Zeugnis davon ab, dass Silje Nergaard in Bonn ein gern gehörter Gast ist. Die norwegische Jazzsängerin präsentierte am Donnerstag neben älteren Nummern vor allem Songs aus ihrem vor einem Jahr herausgekommenen Album „Tomorrow We‘ll Figure Out The Rest“, einer tief persönlichen Hommage an ihre Kindheit.

Auch im Konzert erzählte die 59-Jährige von dieser Zeit: Platten von Nat King Cole und Ella Fitzgerald seien die „Popmusik ihrer Eltern“ gewesen – was sich bis heute, mit über 90 Jahren, nicht geändert habe. Während auf Nergaards Album das Stavanger Symphony Orchestra den Klang über weite Strecken prägt, war die Sängerin mit lediglich zwei Gitarristen nach Bonn gereist: Håvar Bendikson und Hallgrim Bratberg. Zwei Meister auf sechs Saiten, die den Songs einen ganz eigenen Zauber entlockten, der im opulenten Sound der Platte sich nicht in dieser intimen Weise entfalten kann.

Nergaard besitzt das Talent, die Welt zu poetisieren, selbst wenn sie auf aktuelle Krisen blickt. Dem Kriegsgrauen in der Ukraine ringt sie die wunderschöne Liebesballade „A Perfect Night To Fall In Love“ ab. Es handelt von einem ukrainischen Paar, das sich während des russischen Angriffs verliebt und in Ruinen heiratet. Nergaard erzählt die berührende Geschichte der Liebenden zu den Klängen eines melancholischen langsamen Walzers, den die subtil gesetzten Harmonien und ihre klare und klangschöne Stimme wunderschön zum Schweben bringen.

Dann zückt sie ihr Smartphone. Sie hält es lächelnd ans Mikrofon und spielt den Gesang eines Kindes ab. „Das war ich mit fünf Jahren und mein Vater, der die Gitarre spielte“, verrät sie und entführt ihr Publikum sogleich in die Nacht mit dem Liebeslied „You Are The Very Moon To Me“ – eine gefühlvoll intonierte Hommage an ihre Eltern.

Es blieb ein nostalgischer Wohlfühlabend mit Liedern wie kleine Weltfluchten. Es folgen zwei jazzige Nummern, in denen ihre Begleiter auf ihren Gitarren Bass und Schlagzeug swingend imitieren. Ein Höhepunkt: „Tell Me Where You’re Going“, ein Hit, den Nergaard vor vielen Jahren mit Pat Matheny aufnahm und der ihre Karriere begründete. Den Refrain sang das Publikum im Münster gut vernehmbar mit. Am Ende gab es Standing Ovations und ein berühmtes Cover als zweite Zugabe, dessen Titel Nergaards poetischen Blick auf die Welt nicht treffender beschreiben könnte: „What A Wonderful World“.

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