Daniels Tagebuch

Umjubelte Neunte zum Jahresauftakt

Die Wiedereröffnung der Beethovenhalle war für das Beethoven Orchester nun Anlass, es doch einmal zu tun
  • 01.01.2026 19:30:00

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Beethoven Orchester und der Philharmonische Chor Bonn bei der Aufführung von Beethovens Neunter

Am Ende des Neujahrskonzerts mit dem Bonner Beethoven Orchester (BOB) erhoben sich die Menschen geschlossen von den Sitzen: Mit Ovationen im Stehen feierte das Publikum in der ausverkauften Beethovenhalle die Aufführung von Beethovens Neunter – ein musikalischer Auftakt ins Jahr, der in Bonn Seltenheitswert hat.

Zuletzt erklang die Sinfonie hier am 1. Januar 2013 zum Jahresbeginn, damals jedoch nicht mit dem Beethoven Orchester, sondern mit der Klassischen Philharmonie Bonn und dem Chur Cölnischen Chor unter der Leitung von Heribert Beissel. Sie hatten über viele Jahre eine Tradition gepflegt, die in Metropolen wie Berlin, Hamburg, München oder Wien längst fest verankert ist: das neue Jahr mit Beethovens Musik gewordener Vision von Freiheit und Brüderlichkeit zu begrüßen. Die Wiedereröffnung der Beethovenhalle vor wenigen Tagen war für das Orchester und Generalmusikdirektor Dirk Kaftan ein guter Anlass, die Vorbehalte gegen eine festliche Aufführung zum Jahresbeginn aufzugeben, in der Kaftan – sicher nicht ganz grundlos – immer eine „Ritualisierung der Neunten“ befürchtete.

Doch bevor die Neunte erklang, gab es eine Art Ouvertüre: Beethovens zweites Klavierkonzert in B-Dur, das chronologisch sein erstes ist und dessen frühe kompositorische Entwürfe noch in Bonn entstanden. Solist des Abends war der Gewinner der im Dezember ausgetragenen Telekom Beethoven Competition, der in London lebende US-Amerikaner Seth Schultheis. Mit diesem vergleichsweise selten aufgeführten Konzert hatte er bereits im Wettbewerbsfinale die Jury überzeugt, nun bestätigte er seine Qualitäten erneut auf fulminante Weise. Die Klarheit und Präzision seines Anschlags begeisterten ebenso wie das Zusammenspiel mit dem Orchester. Schultheis besitzt ein feines Gehör für die lyrischen Qualitäten des langsamen Satzes und bringt die Energie und den rhythmischen Schwung ins Spiel, um das Finale zum Tanzen zu bringen. Beim Publikum bedankte er sich für den begeisterten Applaus mit dem Stück „Fiddlehead“ des New Yorker Komponisten Timo Andres, ein in endlosen Sechzehntelnoten dahinfließender Energiestrom, der sich weder durch aberwitzigste Intervallsprünge bremsen lässt noch durch die vielen plötzlichen Taktwechsel. Das erst zwei Jahre alte Werk fand in Schultheis seinen Meister.

Nach diesem kraftvollen Auftakt wandte sich das Orchester dann Beethovens Neunter zu, deren Aufführung sich von ritualisierter Routine erfreulicherweise weit entfernt bewegte. Das lag auch an den straffen Tempi, die Dirk Kaftan für die Aufführung wählte. Dadurch erwies sich die Aufführung als ein Ereignis von großer Geschlossenheit und innerer Spannung. Aus der kaum hörbaren, offenen Quinte der tiefen Streicher erhob sich langsam aus den Klängen der hinzutretenden Hörner, Klarinetten, Oboe und Flöten ein Crescendo wie eine Beschwörung. Den Übergang von leiser Unruhe zu der überwältigenden Wucht des Hauptthemas ließen Kaftan und das Beethoven Orchester geradezu apokalyptisch aufblitzen. Diese unbändige Energie war auch im zweiten Satz zu spüren – wenn auch auf ganz andere Weise. Mit unerbittlicher rhythmischer Präzision, markanten Akzenten und einer dominanten Pauke als Treibmittel zogen die Töne hier wie ein unaufhaltsamer musikalischer Motor an den Ohren des Publikums vorbei. Wobei nur das kontrastierende Trio den strengen Puls des Scherzos für Momente in schwebende Leichtigkeit verwandelte. Das Adagio entfaltete sich wie ein weit geöffneter Sehnsuchtsraum: fein austariert und von Kaftan feinfühlig geführt. Die Streicher leuchteten, die Bläser antworteten mit sanfter Klarheit, wobei man einige Details vielleicht noch inniger ausphrasieren könnte.

Umso mitreißender wirkte der Umschlag ins Finale, in dem sich die eruptive Kraft des Werks Bahn brach. Christina Landshamer (Sopran), Anna Werle (Mezzosopran), Sebastian Kohlhepp (Tenor) und Gerrit Illenberger (Bariton) setzten markante vokale Impulse. Mit einem auffälligen Unterschied zum gewohnten Klangbild. Man folgte an diesem Abend der im Beethoven-Haus erstellten Bonner Neu-Edition des Werkes, nach der das vom Bariton vorgestellte Freudenthema vom Kontrafagott begleitet wird – was einen ganz eigentümlichen Effekt mit sich bringt. Insgesamt fügten sich die Solisten klug in den auch durch den Philharmonischen Chor der Stadt Bonn geprägten Gesamteindruck ein. Für den Chor war dieser Abend ein besonderer Moment: In der wiedereröffneten Beethovenhalle nun endlich wieder den Schlusschor zu übernehmen, hatte spürbar emotionales Gewicht. Unter der Einstudierung von Paul Krämer gelang den Sängerinnen und Sängern ein fulminanter Auftritt – kraftvoll, warm und mit enormer Ausdrucksstärke, die von einer tiefen Vertrautheit mit dem Werk zeugte. Für das Bonner Publikum war diese Neunte sicher ein starkes Zeichen, das weit über den Abend hinausweist.

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