Till Brönner beim Auftritt in der Beethovenhalle.
1600 Fans sitzen quasi auf gepackten Koffern in der ausverkauften Beethovenhalle, bereit zum Italien-Trip mit dem in Bonn aufgewachsenen Jazztrompeter Till Brönner als Reiseleiter. Der hat seine frühe Kindheit in Rom verbracht, ist zeitlebens italophil geblieben und hat im vergangenen Herbst das Album „Italia“ herausgebracht, eine Mischung aus Sehnsuchtsstücken der 1960er bis 1980er Jahre. Und so geht es am Mittwochabend erst einmal von der Beethovenhalle – hier hat der junge Brönner 1986, wie er erzählt, Oscar Peterson auf der Bühne erlebt und wurde mit seiner Aloisiuskolleg-Klasse von Leonard Bernstein im rosa T-Shirt begrüßt – in Richtung Filmmusik: Luis Bacalovs von Brönners Flügelhorn überzuckerte Tanzmusik aus „Il Postino“ eröffnet das Kino für die Ohren. Eine mit Funk-Elementen aufgebrezelte Version des Krimi-Soundtracks aus „Il trucido e lo sbirro“ (deutscher Titel: „Das Schlitzohr und der Bulle“) bietet Brönners Star-Ensemble eine erste Gelegenheit zu glänzen.

Mit dem verträumten Schmuselied aus Lina Wertmüllers Film – mit dem herrlichen Titel „Travolta da un insolito destino nell’azzurro mare d’agosto“ – schicken Brönner und sein Saxofonist Mark Wyand das verzückte Publikum auf einen Kino-Trip, der an diesem Abend weitere Stationen wie das Liebesthema aus „Cinema Paradiso“ und das Hauptmotiv zu „Der Pate“ zu bieten hat.

Aber Italien ist für Brönner, der im weißen Anzug trompetet, singt und auch den smarten Conférencier gibt, nicht nur Kino. Da darf der klassische Belcanto nicht fehlen, den „Überraschungsgast“ Ricardo Marinello – Gewinner der ersten Staffel von „Das Supertalent“ (2007) – mit tenoralem Schmelz auf die Bühne bringt. Als Beitrag zur Interpretation von Lucio Dallas Superhit „Caruso“.
Auch bei Paolo Contes „Via con me“ stößt Brönners Ensemble an seine Grenzen – der Originalsong ist einfach Jazz pur und Contes brummelnder Bass unverwechselbar und unkopierbar. Da können Brönner und seine Mitsängerin Alessia Tavian keine neuen Impulse setzen. Beim Wechsel ins Schlagerfach mit dem arg seichten „L’appuntamento“, mit „Viva la felicità“, mit „Parole Parole“ und „Amarsi un po’“ bleibt Brönners Combo weit unter ihren Möglichkeiten. Immerhin: Dann und wann lässt der Bonner Trompeter den Jazzer in sich von der Kette, improvisiert fulminant und liefert sich mit Wyands Saxofon Gefechte. David Haynes, der den Abend mit dem Schlagzeug und Bossa-Nova-Rhythmen immer wieder wunderbar grundiert, bekommt ebenso sein fulminantes Solo wie der Gitarrist Bruno Müller, Christian von Kaphengst am Bass, der Pianist Olaf Polziehn und Roberto Di Gioia am Keyboard. Mehr davon!

„Spielst du auch ‚Volare‘?“ Das habe ihn jemand gefragt, sagt Brönner. Er als Jazzer könne das unmöglich, meinte er – und tat es dann doch, drehte den Italo-Hit „durch den Fleischwolf“: Im Uptempo jagte die Band durch die Nummer, reaktivierte die tausendfach gehörte Melodie und machte etwas Interessantes daraus. Genauso wie Brönner am Ende mit einer kammermusikalisch entschlackten Fassung des Opernklassikers „Nessun dorma“ als Zugabe spannende Akzente setzte.
Ein Abend mit Höhen und Tiefen – und zwei Erkenntnissen. Erstens: Die neue Beethovenhalle kann auch Jazz – wichtig zu wissen, wird hier doch kommende Woche das Jazzfest Bonn eröffnet. Zweitens: Und die beste Italien-Reisezeit ist, so Brönner, ab Mitte Juni: Da haben die Italiener viel Zeit für ihre Gäste – weil sie keine Fußballweltmeisterschaft gucken müssen.